MandysNotizBlog

Krankenschwester, Medizinstudentin. Trotzdem Hypochonder!

Hallo meine Lieben. Einige haben sich schon gefragt, wo ich gesteckt habe. Und hatten vollkommen Recht damit, wenn sie dachten, dass ich immer noch Skalpelle im OP wetze, meine Kamera-Haltetechnik perfektioniere und die Heldin meiner eigenen Chirurgie-Parodie geworden bin.

Mein Gesicht während des Chirurgie-Tertials. Zum Glück trug ich die Maske!

September, Oktober und die erste Hälfte des November war ich die einzige Studentin in der Chirurgie. Sonst sind 3-4 PJ-Studenten (Studenten im Praktischen Jahr) hier unterwegs. Aufgeteilt auf OP, die Aufnahmestation und die chirurgischen Stationen.
Drei Mal dürft ihr raten: ich hab mich geteilt, mir mehrere Arme wachsen lassen und hab versucht alles allein zu managen. Mein Telefon hat geglüht.
Ihr dürft noch mal raten: Hat nicht wirklich gut funktioniert.

Ich hab es mir mit so manchen Oberarzt und Assistenzarzt verscherzt und das ist so etwas wie ein ungeschriebenes Gebot im großen ungeschriebenen Buch der PJ-Vorschriften: Du sollst keinen Arzt verärgern! Das zweite Gebot gleich nach: Du sollst keinen anderen Chefarzt haben, neben mir.

COVID oder Erkältung?

Zwischenzeitlich hat der COVID-19-Meteorit bei meinen PJ-Buddies in der Inneren eingeschlagen. Mehrere Krankenschwestern und PJ´ler in Quarantäne, viele von ihnen positiv getestet.

Und ich rotierte weiter. Mitte November, der schneller als erwartet kam, resümierte ich. Einen mickrigen Beitrag gebloggt, kein weiteres Wort geschrieben, mehrmals im OP kollabiert (auch noch beim Chef), abends elendig müde ins Bett gefallen, keine Farbe aufs Zeichenpapier gebracht.

Immer mit dabei, meine treuer Freund das Halskratzen. COVID? Erkältung? Kopfschmerzen auch irgendwie. Aber oft auch nicht genug getrunken. Fast unmöglich irgendwelche Abstandsregeln im Krankenhaus einzuhalten.

Ich gehöre eh schon immer zu den Menschen, die sich Krankheiten einbilden. Meiner Fantasie und Dramaturgie sind keine Grenzen gesetzt. Die Vorlesungen waren ein Horror. Gefühlt hatte ich jede erwähnte Erkrankung.
„Bei Hirntumoren gibt es folgenden Symptome: . . . “ Oh Gott, das hatte ich doch letzte Woche.
Leberflecken sehen auf einmal komisch aus. Eine Stelle im Unterleib fühlt sich schmerzhaft an.

Einmal glaubte ich sogar, einen Tumor in den Nasennebenhöhlen zu haben, weil ich ständig ein komischen Geruch in der Nase hatte. In der Straßenbahn, dem Vorlesungssaal, praktisch überall. Es war dann aber doch nur Katzekacke, in die ich beim Spazierengehen gelatscht war.

Zurück zur Chirurgie. Irgendwie sind die ärztlichen Kollegen doch zufrieden mit mir. Zumindest hat sich keiner beschwert.
Unter Aufsicht durfte ich sogar kleine Schnitte machen. Nähen hab ich bis zur Grenze des Erbrechens geübt. Bei jedem genutzten Faden dachte ich an die Patienten, die vor dem Spiegel die Narben begutachten. Und hoffentlich zufrieden sind. So zufrieden, wie man eben mit einer Narbe sein kann. Erst wenn die OP-Schwester sagte, dass die Nähte gut aussehen, stoppte ich mit Selbstkritik. Die Mädels und Jungs wissen schließlich was gut ist.

Bin ich der Chirurgie verfallen? Himmel, natürlich nicht. Mir fehlen für den Job einfach die Ellenbogen. Außerdem rede ich gern mit den Patienten. Sedierte geben mir zu sehr das Gefühl Selbstgespräche zu führen.

Mein COVID-Moment 2020

Dann vor circa 2 Wochen. 19 Uhr. Ich machte einen Nachtdienst mit. Seit 12 Stunden auf den Beinen. Gerade aus dem OP auf Station gekommen. Magen irgendwo zwischen den Knien.
Als ich die Weihnachtsdeko auf Station sah, ging mir noch durch den Kopf, dass ich irgendwann zu Hause schmücken muss. Vorfreude gleich Null.
Eine Patientin braucht einen Zugang, Blutentnahme und noch Blutkulturen, weil sie fiebert. Als ich das Patientenzimmer betrete ist die Patientin aufgelöst in Tränen. Völlig außer sich. Sie habe Angst vor Nadeln. Theatralik? Davon besaß sie eine ganze Menge.

Ich spreche mit ihr, erkläre ihr alles. Eine Schwester versucht sie zu beruhigen. Bäche strömen aus ihren Augen. An den Armen hat sie sehr dünnen Venen. Blutkulturen muss man an beiden Armen abnehmen. Als sie das hört, verbessert es nicht gerade ihre Stimmung.
Aber ich bin ein guter Blutsauger. Auch abends 19 Uhr kennt meine abenteuerliche Lust auf Venensuche keinen Grenzen. Sie schreit hysterisch auf. Ich habe die Nadeln noch nicht mal ausgepackt.

Eine dreiviertel Stunde brauchte es zur Beruhigung und für die Erledigung der Aufgaben. Mein Gehör durch das Geschrei der Patientin vorzeitig ertaubt. Vermutlich verdanke ich ihr meine ersten grauen Haare.

Zwei Tage später erfahren wir, dass sie COVID-19 positiv ist. Und sie trug während der Blutentnahmen keinen Mundschutz. Sie bekam ja auch so fast keine Luft durch das Weinen.
Unsere Namen gelistet, Abstriche gemacht, wir arbeiteten weiter.
Was ist mit Quarantäne? Was ist mit meinem Mann? Hab ich es längst mit nach Hause geschleppt?

Das Gesundheitsamt meldete sich endlich bei mir. Per Brief. Eine Woche später. Ich muss sofort in häusliche Quarantäne. Witzig. Der Brief hatte 4 Tage gebraucht, um innerhalb von Frankfurt transportiert zu werden. Vermutlich war der Postbote auf Kutsche und Pferd umgestiegen. Wäre ich infektiös, wen hätte ich nun schon alles angesteckt?
Kollegen werden positiv getestet. Kein Wunder, wenn das Gesundheitsamt sich so spät meldet.
Ich bin wütend, obwohl ich weiß, dass die Gesundheitsämter überfordert sind. Ein schwierige Zeit. Aber über die hohen Zahlen brauchen wir uns nicht wundern.

Und da bin ich nun. In Quarantäne. Ich hatte Fieber und bin erkältet. Aber im Vergleich zu vielen anderen, geht es mir gut. Die Tests bisher negativ. Also doch nur Schnupfen? Da ist sie wieder die verängstigte Hypochonderin.

Allerdings erwarte ich wieder Post vom Gesundheitsamt. Denn innerhalb dieser einen Woche, in der ich arbeitete, obwohl ich in Quarantäne hätte sein sollen, hatte ich wieder Kontakt zu COVID-Positiven. Aber die Postkutsche ist noch nicht vorgefahren. Vielleicht sind sie ja auf Rauchzeichen umgestiegen?

Nur noch eine Frage der Zeit . . .

Mittlerweile habe ich das Gefühl, es ist nur eine Frage der Zeit, bis man es sich als Krankenhausangestellter holt. Von Schutz sprechen wir erst gar nicht. Nicht genug FFP2-Masken, nicht genug Platz um den Abstand einhalten zu können. OP`s, die nicht nötig sind, werden trotzdem gemacht, weil dem Krankenhaus sonst Geld fehlt.

Die Vorfreude steigt

Ich gestehe, dass ich etwas Angst habe wieder auf Arbeit zu gehen. Die letzten Tage werde ich daher noch genießen. – Quarantäne genießen! – Seid mir nicht böse. Diese paar freien Tage haben sich wirklich gut angefühlt. Mein Pensum frische Luft hab ich mir auf dem Balkon geholt.
Eigentlich dachte ich, dass ich meine Quarantäne damit verbringe, meinen Bachelor in Netflix zu machen. Stattdessen habe ich mein ‚Schreibtief‘ überwunden und male auch wieder. Hab mit der ganzen Familie telefoniert (seit Wochen nicht mehr geschafft) und Schmücken habe ich auch hin bekommen.

Meine Zeit auf der Chirurgie neigt sich auch dem Ende zu. Ich habe noch etwas mehr als eine Woche. Vielleicht schließe ich mein hypochondrisches Ich im Spind ein. In dem zugemüllten Ding findet sie nie hinaus.

Wenigstens ist die Vorfreude auf Weihnachten gestiegen.
Bleibt gesund, eure Mandy

8 Kommentare

  1. Ach du mein lieber mein Vater.😯
    Mit dir möchte ich nicht tauschen, zum Einen wegen der Ansteckungsgefahr und zum Anderen wegen dem Streß.
    Nicht das ich mich drücken würde, war immer eher ein Workaholic aber jetzt weiß ich wieder warum Ärzte oft so blass sind und matschig aussehen.😉
    Du hast dir diese unfreiwilligen Freitage mehr als verdient und deinem Schreibstil merkt man an, dass du dich erholst. Hoffe, du hast dich nicht angesteckt und wünsche dir einen angenehmen 3. Advent.👋
    Ich selber bin brav und bleibe Zuhause.

  2. Liebe Mandy,
    wie sehr gönne ich Dir das Frei, die Telefonate mit der family und vorallem die wiedergewonnene Lust am Malen und Schreiben (davon habe ich ja auch das Meiste😉), lese ich Dich doch zu gerne. Nur ohne Covid-Angst um Dich wäre es mir lieber. Werd schnell Schnupfengesund und bleib für die Corona Zeit hoffentlich auch virenfrei.
    Ich drück Dich virtuell und wünsche Dir einen besinnlichen 3. Advent im weihnachtlich geschmückten Heim.
    Liebe Grüße

  3. Das hast du sehr schön geschrieben und nix ausgelassen. Bin selbst eingespannt in der Pflege. So viel Covid-Bewohner und so viel Covid-Pflegekräfte. So viel Pfleger in Quarantäne und wir chronisch unterbesetzt 🙆‍♀️ bin noch Schülerin. Gerade in der 3. Woche Praxis (vorher noch nie in der Pflege gearbeitet) trotzdem gestern in der Spätschicht nur zu zweit mit einer Pflegeassistentin aus einer Zeitfirma. Wir haben es zwar gut überstanden, aber bin trotzdem am Limit.
    Wir haben mehr Zeit verbraucht beim Schutzausrüstung an und wieder aus…. In jedem Zimmer immer wieder von vorne, die Bewohner gestern irgendwie auch komplizierter als sonst, trotzdem war es ein Hand in Hand arbeiten mit dem jungen Mädchen an meiner Seite. Wir haben es gemeinsam geschafft 👍
    Ich wünsche uns allen viel Kraft und Gesundheit 🍀
    Lg Ines

    1. Liebe Ines, du wünscht mir Kraft? Dabei musst du selbst so viel Arbeiten. Bitte pass gut auf dich auf und lass dich nicht entmutigen. Wir brauchen Menschen wie dich im medizinischen Bereich. Danke, dass du dich dafür entschieden hast. 😊

  4. Wie jetzt? 😳 Zwei Tage bis zur Info, dass die Patientin positiv war, einen Tag für den Test, dann eine Woche bis zum Brief … aber das sind ja acht Tage! Das sind acht Wochen in Hypochonderzeit! 😱
    Puh, im Ernst, das ist übel. Das ist vermutlich auch für nicht-Hypochonder hart. Ich hoffe so, dass sich da bald etwas ändert für dich und alle anderen, die jetzt in Krankenhäusern und Co arbeiten. Halt durch, erhol dich gut und so abgedroschen es klingt: Bleib gesund! 🍀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.