MandysNotizBlog

„Du hast es geschafft“

Staubpartikel flirren, wie immer wieder aufleuchtende Diamanten, durch den ins Zimmer fallenden Sonnenstrahl. Ein Versuch des Frühlings sich ungefragt seinen Weg in den Raum zu bahnen.
Keine Ahnung, wie lang ich dem Tanz der Staubschneeflocken zugesehen habe.
Es ist später Vormittag. Die Krankenhausfenster sind schmuddelig. Eine Mischung aus beginnendem Pollenflug und Großstadtfeinstaub.

Frühmorgens . . .

. . . erwachte Frankfurt mit einem atemberaubender Sonnenaufgang. Begonnen mit einem Blassgrau, übergehend in ein Rosé, ertrinkend in Orange, endend in gleißendem Gelb.
Wochenende.
Kurz nach 5 Uhr befindet sich Frankfurt noch im tiefen Schlaf.
Das Vogelgezwitscher ließ auf einen wunderbaren Tag hoffen. Die kalte Morgenluft vollkommen unterschätzend, radelte ich, nach einem Zwischenstopp zum Handschuhanziehen, Richtung Krankenhaus. Kaum Autos unterwegs. Nur ein paar vereinzelte Taxis brachten die letzten Nachtschwärmer zurück.

Rückblickend ein bescheidener Tag

Er begann schon damit, dass sich eine Kollegin krank meldete. Nur zu zweit. Meine andere Kollegin zum Glück ein Arbeitstier. Ich mag sie furchtbar gern, weil sie alles für die Patienten gibt und darüber hinaus noch strukturiert arbeitet. Die Übergabe gestaltete sich frustrierend. So viele Pflegefälle. Zu Dritt wäre der Dienst angenehm geworden. Zu zweit eher kritisch.
Meine Kollegin hatte 9 Patienten. Ich nur 8. Vier davon in einem nicht ganz so guten Zustand. Bedeutet, dass sie sehr viel Hilfe & Pflege brauchen.
Ich machte meine erste Runde. Blutdruck und Puls, Sauerstoffsättigung, Temperatur und Schmerzen.
‚Hatten Sie Stuhlgang?‘ Extrem persönlich. Jeden Tag der Gang auf die Waage. Insgeheim jedes mal froh, dass ich nicht drauf muss.
‚Drei Kilo mehr seit gestern.‘ Die Patientin hatte aufgrund der Chemotherapie Wasser eingelagert.
‚Schauen Sie sich nur meine Beine an.‘ Ich beschwichtigte, dass es bald wieder besser wird, sobald sie den Chemozyklus überstanden hat.

Ich ging in mein letztes Zimmer. Und da lag sie. Der Nachtdienst hatte sie als unruhig beschrieben. Aber sie war komatös. Ihr Bett war das Einzige im Zimmer. Der Nachtschrank geschmückt mit einem großen Blumenstrauß aus wenigen Rosen, Schleierkraut und Margeriten. Meinen Lieblingsblumen. Unbewusst hegte ich gleich eine große Sympathie für die Patientin.

Ich trat an ihr Bett. Sie war so alt wie meine Mutter. Von außen wirkte sie ruhig, ihr Gesicht entspannt. Aber ihr Körper zeigte Stress. Ein dünner Schweißfilm im Gesicht, eine unruhige Atmung, seufzendes Stöhnen.
Ich sprach sie an, aber sie reagierte nicht. Erst mit ihrem Nachnamen, dann ihrem Vornamen. Er klang so fremd, aus meinem Mund.
Aber auch das ließ sie nicht wach werden. Was hatte ich mir auch vorgestellt? Sie erwacht plötzlich, setzt sich auf und sagte, dass sie gut geschlafen hat? Ganz großes Kino.
Die Vitalzeichen beunruhigend. Ich informierte den Dienstarzt, der schon auf dem Weg ins Krankenhaus war.
Sie darf gehen. Ich gebe der Familie Bescheid.‘

Ich hatte die MRT-Bilder gesehen. In ihrem Kopf waren Metastasen so groß wie Aprikosen.
Ich eilte schnellen Schrittes in den Pflegestützpunkt und machte Schmerzmittel und andere Infusionen fertig.
Auch wenn sie starb, sollte sie ihren letzten Weg nicht von Schmerzen begleitet antreten.

Seit 13 Jahren arbeite ich nun schon in der Strahlentherapie, Onkologie und Palliativmedizin. An den Krebs werde ich mich trotzdem nie gewöhnen. Ständig ändert er sein Gesicht. Und ist bei jedem anders. Aber immer hässlich.

Das Schmerzmittel wirkte. Das Seufzen verschwand, sie wurde ruhiger. Und ich auch.
Ein Aromadiffuser mit Lavendelöl hatte jetzt einen Platz auf ihren Tisch gefunden.
Ich nahm einen Waschlappen und fuhr ihr damit über das verschwitzte Gesicht. Sagte ihr, dass ihre Familie auf dem Weg zu ihr ist. Ihre Tochter, ihr Sohn. Und ihr Ehemann. Trotz Corona würden alle zu ihr können.
Meine Finger suchten nach ihrem Puls. Unregelmäßig. Ihre Atmung immer wieder ausbleibend, wenn auch nur für wenige Sekunden.
Ich öffnete eines der Fenster. Ließ die Frühlingsluft hinein, den wärmenden Sonnenschein. Und setzte mich zu ihr.
Nahm ihr Hand. Sie schwitzte so. Oder war ich das?

Die eigene Endlichkeit

So individuell die Menschen, so unterschiedlich auch der Sterbeprozess. Von ruhelos und ängstlich bis hin zu in-sich-ruhend war alles dabei.
Dabei lehrten mich die letzten Jahre, dass die, die Zeit und auch den Mut hatten sich damit auseinanderzusetzen, gelöster wirkten. Darüber zu sprechen ist schwer. Sich mit der eigenen Endlichkeit auseinander zu setzen ist nun mal nichts Alltägliches wie der Wetterbericht.
Was soll mit mir passieren, wenn ich gestorben bin? Wie soll die Bestattung aussehen? Wie das Danach geregelt werden?
Wissen Angehörige über solche Dinge Bescheid, sind sie schriftlich und finanziell fest gehalten, kann dies (wenn auch nicht in dem Moment) erleichternd sein und Raum zum Trauern geben.

Der Arzt kam leise ins Zimmer.
„Morgen. Alles gut?“
Wir tauschten ein paar Informationen aus. Fachlich, sachlich. Die Familie wusste Bescheid und war auf dem Weg. Ich sollte ihm Bescheid geben, wenn ich etwas für die Patientin brauchte.
Stationstelefon und Betäubungsmittelschlüssel hatte ich der Kollegin in die Hand gedrückt.
Ich saß an ihrem Bett und war einfach nur da. Schaute auf die Blumen, hörte das Leben draußen weitergehen. Hielt ihre Hand, während ihre Atemaussetzer immer länger wurden.

Ohne die Familie

Viele Patienten gehen, wenn ihre Familie nicht da ist. Oft in der Nacht.
Vor ein paar Wochen ging ein Mann, als seine Frau auf Toilette war. Sie war die Tage zuvor kaum von seinem Bett gewichen. Hatte ihn gepflegt, umsorgt, Wünsche erfüllt. Sie hatten gemeinsam Wein getrunken, Musik gehört, gelacht, geweint.
„Und jetzt stirbt er, während ich auf Toilette bin. Diese alte Sturkopp hat auch jetzt noch seinen Willen bekommen“, sagte sie lachweinend. Er hatte immer gesagt, dass sie nicht dabei sein soll, wenn er geht.

Und so ging auch meine Patientin, an einem sonnigwarmen Samstag im Februar. Ich schaute auf die Uhr, für die spätere Dokumentation.
„Du hast es geschafft“, raunte ich leise. Mehr zu mir als zu ihr. Und vielleicht um den Kloß im Hals los zu werden. Trotz der vielen Jahre stumpft man doch nicht ganz ab. Zum Glück.

Ich richtete ihr Haar, machte sie frisch und wechselte die Bettwäsche.
Die Familie kam mir auf dem Flur entgegen und war bis zum späten Nachmittag noch bei ihr.
Ich setzte mich kurz in den Aufenthaltsraum, machte mir einen Tee und starrte auf den am Anfang erwähnten Staubschneeflockentanz.
Die wärmende Tasse in den Händen haltend, ging mir viel durch den Kopf.
Wie viel dankbarer wir manchmal sein sollten. Das es aber zeitweise unmöglich und normal ist, in unserem stressigen Alltag nicht ständig voller Dankbarkeit zu sein. Sondern auch wütend, verzweifelt, traurig, ausgelassen, kindisch, erfreut und euphorisch zu sein. Man ist dadurch nicht weniger dankbar für das, was man hat.
Wir sind nicht geboren, um nur zu Arbeiten und Rechnungen zu bezahlen. Sondern um zu Leben und zu Genießen.
Ich hatte mich schon am Vortag mit meinem Mann zu einem sehr, sehr späten Frühstück nach meinem Dienst verabredet. In unserem Wohnzimmer, wo unser Esstisch steht. Dort würde er mit Kaffee, warmen Brötchen, einem Lächeln und offenem Ohr warten.

Die Patientenklingel riss mich aus meinen Gedanken. Und ich eilte los.
Der Strauß mit den Rosen und Margeriten stand am nächsten Tag in unserem Pflegestützpunkt.

In Deutschland stirbt jeder Zweite in einem Krankenhaus.

Bleibt gesund, eure Mandy

12 Kommentare

  1. Das ist sicher hart. Mir laufen die Tränen runter, obwohl ich nicht einmal dabei war. Ich denke, sie sind froh, dass Du sie auf dem letzten Weg begleitetest.

    Viele Grüße
    Nina

  2. Hallo Mandy, ich lese schon lange deine Posts bei WW und bin auch diesmal wegen der schönen Zeichnung an deinem Text hängen geblieben, er hat mich sehr berührt! Ich selbst habe pflegebedürftige Eltern die noch zuhause wohnen, und dieses Thema wird immer aktueller, ich würde mich für beide freuen wenn ihre Zeit abgelaufen ist sie dann auch in Ruhe gehen können! Ich danke dir für diesen liebevollen Text, schön dass es Menschen wie dich gibt 🥰viele Grüße und einen schönen Sonntag und genieße das schöne Frühstück mit deinem Mann

  3. Liebe Mandy,
    Ich habe hier ‚weitergelesen‘, weil mich Dein Bericht ‚gepackt’ hat……
    Danke daß Du so bist wie Du bist……..
    Liebe Grüße
    Heike

  4. Danke . Das erinnert mich an den Abschied von meiner Mama . Auch sie starb in der Klinik, ich saß zwei Tage an ihren Bett . Sie war schon nicht mehr richtig da , konnte nur noch schwer atmen, ganz tiefe Atemzüge. Ein sehr einfühlsamer Pfleger schickte mich nach Hause: ihre Mutter ist eine so starke Frau, sie wird erst gehen können , wenn sie alleine ist . Ich verabschiedete mich von ihr und ging , eine Stunde später kam der Anruf -sie hat es geschafft .
    🤍

  5. Liebe Mandy, ich habe 8 Jahre in einem Hospiz gearbeitet und dort viele Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet. Es waren immer sehr wertvolle Erfahrungen und wundervolle Begegnungen. Im Krankenhaus hatte ich dafür nie wirklich Zeit, schön das Du dir die Zeit nehmen konntest.
    Liebe Grüße, Michaela

  6. Danke das es dich gibt,beim Lesen kamen mir die Tränen,ich hab meinem Papa auch durch Krebs verloren und war bis zum Schluss bei ihm,
    Wünsche dir immer viel Kraft ❤❤❤❤❤❤❤

  7. Ich habe früher auch im Krankenhaus gearbeitet, und sehr selten war auf der Intensivstation Zeit, keine Zeit, um mit denen, die uns lebend verlassen würden, persönliche Worte zu Wechsel, geschweige, denn mehr als ein paar Momente bei einer/m. Sterbenden zu bleiben.
    Danke fürs Deine Geschichte, die mich daran erinnert hat, und mir Tränen in die Augen kommen ließ…
    Danke, dass Du Dir diese Zeit genommen hast.

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