MandysNotizBlog

Meldung! Meldung! Meldung!

„Hat jemand noch eine Frage?“
In der Schule gehörte ich zu den Vielmeldern. Mein Finger schwebte immer weit über meinem Kopf. Auch das berühmte Schnipsen gehörte zum Repertoire. Als wäre man als dickes Kind nicht schon genug Hohn ausgesetzt, eignet man sich dann auch noch sowas an.

„Windstärke 10, Mandy bleibt stehen.“ So und ähnlich schalmeite es über die Schulkorridore der Realschule.
Vor wenigen Wochen, ich blätterte so durch meine digitalen Fotoalben, stellte ich verwundert fest, dass ich nicht wirklich dick war. Sind die Schwestern schlanker, bekommt man eben das Gefühl auf jedem Foto das Polaroid-Würstchen zu sein.
Unserer familiären Vererbung haben wir es zu verdanken, dass wir im Gesicht etwas fülliger aussehen. In einer Flut von prämenstruellen Emotionen schrie meine Schwester gelegentlich, dass sie hofft adoptiert zu sein – Jugendliche eben. Meine Oma meinte daraufhin immer trocken, dass wir doch alle die gleiche Gusche haben. Eine Adoption also unmöglich.
Wieso hatte ich als Kind/Jugendliche nur immer das Gefühl, dass ich ‚zu-viel‘ sei? Ich sag´s euch: Wenn man es oft genug von anderen hört, glaubt man es irgendwann.

Lange Leitung . . .

Das ich mich viel meldete hatte aber einen Grund. Denn ich verstehe oft nur langsam, brauche etwas länger bis der sprichwörtliche Groschen fällt. Im Gymnasium habe ich die Eigenschaft beibehalten – also das Melden. Das Schnipsen gab ich auf . . . aus augenrollenden Gründen.

Ich war in meinen Zwanzigern. Natürlich dreht sich in dem Alter auch noch alles um die Figur. Steht man in der Umkleide und auf einmal passt Größe M, denkt man trotzdem, dass da irgendwo ein Fehler unterlaufen ist. Flattert dann die Zulassung zum Medizinstudium herein, ist da nicht etwa unbändige Freude. Nein. Es haben doch immer alle was anderes gesagt. Ich ruf da lieber nochmal im Sekretariat an und melde einen Fehler.
Zweifel wohin das Auge sieht.

Mandy

Während eines Anatomiekurses über Kopf- und Neuroanatomie, wir präparierten gerade an der Kaumuskulatur herum, wisperte mir ein Kommilitone etwas über den Kopf des Körperspenders hinweg zu: „Du hast eine schöne Gesichtsschädelarchitektur.“ (So flirtet nur ein Medizinstudent)
Vor Schreck fiel mir fast das Skalpell in das Präparat. Meinte der mich? Vollgeschmierter Kittel, aufgerissene Augen hinter von desinfektionsmittelzerfressener Plastikschutzbrille – natürlich, da kommt man ja sofort auf die Idee zu flirten. „Danke?“ An dem Lächeln erkannte ich, dass er nicht den Leichnam gemeint hatte.
Ich mochte das Präparieren. Konzentriertes Arbeiten. Der Formalingeruch war nicht schlimm. Unangenehm war es wenn man ihn mit in die Mensa nahm und beim Essen das Gefühl aufkam, dass das Schnitzel danach schmeckte. Was mir den Präp-Kurs von Anfang an verhagelte hatte, war ein alteingesessener Professor, der uns in der ersten Stunde Kreppklebeband in die Hand drückte, worauf wir zur leichteren Verständigung unsere Vornamen schreiben sollten.
Mandy? Na wenn sie mal nicht aus dem Osten kommen.“ (Es liest sich hoffentlich genauso abfällig, wie er es sagte)
350km von zu Hause weg, dachte ich meinen ‚Geistern‘ entkommen zu sein. Dass es eine Mandy in ein Medizinstudium schafft, kam wohl nicht oft vor. Verdattert nahm ich diese Aussage stumm hin. Was sollte ich auch machen – dieser Mann würde mich prüfen – da gibt man keine Wiederworte. Man schluckt es einfach runter und meldet sich weniger.

Letztens las ich einen Artikel. Eine repräsentative Umfrage hatte ergeben, dass Mandy mit 77% zu den unbeliebtesten Vornamen Deutschlands gehörte. Only getoppt von Alexa, der Smart-Speakerin; Kevin (allein zu Haus) und Adolf (jaaa, genau der).
Ein Name, der nichts über einen aussagt, führt zur Stigmatisierung.
Eine Körperfigur, die nichts über das Herz, über den Charakter aussagt, führt zur Stigmatisierung.
Eine Hautfarbe, ein Geschlecht, ein Post . . . ich könnte ewig so weiter machen.

Aussagen von Menschen, die man nicht kennt und die einen auch nicht kennen, treffen einen so markerschütternd und buddeln Zweifel wieder heraus, die man glaubte beerdigt zu haben.

DER Post . . . der verschwand

Am Wochenende habe ich einen Post verfasst – ihr erinnert euch – übers Impfen. Ein hochbrisantes und gesellschaftsspaltendes Thema. Ich habe lang daran gesessen, um viele damit zu erreichen. Ich komme nach der Arbeit nach Hause, mache etwas Haushalt, dreh eine Runde mit dem Hund und setze mich dann an den Laptop. Beginne zu Recherchieren, zu Schreiben. Natürlich weiß ich, dass ich damit auch jene treffe, die eine andere Meinung haben als die meine. Es ist aber keine Provokation und trotzdem ahne ich, dass ich in dem Moment des Reinstellens mir eine Zielscheibe um den Hals hänge. In der Hoffnung, dass die Dartspitzen nicht durch dringen, weil ich anders formuliere, anders ausdrücke.

Und dann ist der Post weg – es verschwindet die Möglichkeit Aufklärung zu leisten. Was ist passiert? Ich vermutete, dass ich einen Fehler gemacht hatte. @clairemond und @moppelmelli halfen mir mit der Aufklärung . . . vergessen waren die vielen positiven Kommentare, nur die Schlechten traten in den Vordergrund. Meine ‚Geister‘ waren wieder da.

‚Die Geister, die ich rief . . . ‚

Wenn man oft genug hört, dass man etwas scheiße macht, unsagbar blöd oder sich im Irrtum befindet, weil jemand einfach etwas anderes gesagt hat, hallt dies länger nach als irgendein Lob.
Weil man sich auch einredet, dass ja irgendwie in jeder Kritik etwas Wahres steckt.
FALSCH. Kritik kann man ernst nehmen, wenn sie konstruktiv ist. Ist sie auf verletzende Art & Weise geschrieben, bleibt einem nichts anderes übrig als sie zu schlucken, zu blockieren und aus dem Kopf zu kriegen. Danke auch an Tom – du weißt wofür.
Das ‚Böse‘ verschwindet nicht, indem man schweigt . . . um gehört zu werden, muss man seine Stimme erheben.

Aus dem Spott anderer kann große Kraft hervorgehen. Wenn man sich dafür entscheidet, nicht auf Kuschelkurs mit ihnen zu gehen. Und die ‚Geister‘ gibt es überall. Keine geografische Grenze.

Die Tränenpfütze auf dem Boden? Das bin ich – mein Finger meldet sich schwebend über meinem Kopf. Wir sind nicht fehlerfrei. ICH bin nicht fehlerfrei. Was wäre das für eine furchtbare Welt, wäre sie perfekt. Ich will mich nicht meiner Möglichkeiten berauben, weil ich auf Menschen höre, die mir indirekt sagen, dass ich weniger wert bin, die mich nicht kennen, die mich melden, mir mein Leben schwer machen . . . und wohl möglich selbst ein schweres Leben haben.

Und jetzt lasst und den Tag genießen – und zwar genau so unperfekt, wie wir sind.

Eure (one and only) Mandy aus (der Schmollecke und) dem grenzenlosen Deutschland

P.S.: Möhren

Info zum Bild: Möhren. Machen dank dem löslichen Ballaststoff Pektin lang satt, sind gegart besser verdaulich, mit etwas Öl können Vitamine besser gelöst werden, sind trotz ihrer Süße praktisch kalorienfrei und wenn man sie an ihrem Grün packt, kann man sie wie ein Morgenstern verteidigend um den Kopf kreisen lassen. Nehmt das, (stumme) Kritiker. So bekommt ihr sogar noch Vitamine (C, D, E, K)

P.P.S.: Während des Lesen des Textes (ca.: 3 Minuten) wurden durchschnittlich 1354 Menschen in Deutschland geimpft!

18 Kommentare

  1. Ich habe gar nicht so viele Daumen, wie ich in die Höhe strecken möchte. Weiter so, Mandy aus Istdochegal. Fühle dich virtuell gedrückt. LG

  2. Mandy, oh Mandy, 🎶🎵 (ein Hit von Barry Manilow 😄 wie allbekannt) ich bin eine überzeugte Impfbefürworterin, deinen Post fand ich Klasse, und die Kritiker sollen dir doch den Buckel runter rutschen.
    PS
    Bin selbst zu empfindlich. Kann schwer einstecken. Wünsche dir ein dickes Fell 🐗

  3. Hallo Mandy hier noch ein lieber Gruß und ich bin gestern geimpft worden und hoffe dass irgendwann ein Umdenken in der Gesellschaft erfolgt und alle die dagegen sind oder sonst irgendwas zu meckern haben sollten ihr Karma bekommen und und uns peripher tangieren 😂wünsche dir eine schöne Woche ☀️LG Ulrike

  4. Hallo Mandy, bin erst durch den Sturm im Wasserglas auf dich aufmerksam geworden. Ich unterstreiche jedes Wort zu deinem Impf-Post…! Und – du bist eine exzellente Schreiberin, es macht Spaß deine Gedanken zu lesen. Und – du bist mutig, weil du bereit bist, dem evtl zu erwartenden shitstorm entgegenzusehen. Mach bitte weiter, es gibt ja offensichtlich viele geneigte Leser ❤️

  5. Liebe Mandy, ich liebe Deine Posts. Eigentlich wünsche ich niemanden etwas schlechtes, aber diesen ganzen Coronaleugnern und Impfgegnern wünsche ich für einen Tag Corona. Ich liege seit Freitag flach, zum Glück Zuhause und der Verlauf nicht ganz so schlimm, wie eine richtig fette Grippe halt, aber das was es alles nach sich bringt: „Wer geht mit dem Hund? Arzttermine auf die man Monate gewartet hat müssen verschoben werden usw“, darauf könnte ich allzu gut verzichten. Auf die Hustenanfälle, wo man glaubt zu ersticken, die Kopf und Gliederschmerzen und das Fieber würde ich natürlich noch lieber verzichten. Aber ich bin Zuhause, ich atme selbständig und ich habe keinen Zettel am Zeh.

  6. Liebe Mandy,
    du hast so recht. Subintelligente Kritiker zeigen mit „einem“ Finger auf dich und laden ihren Emotionsmüll über dich.
    Allerdings fehlt ihnen die Erkenntnis, dass „3“ Finger und der Daumen auf sie zurück zeigen.
    Sie ärgern und verletzen. Doch einer meiner Glaubenssätze lautet: du erntest, was du gesät hast.
    Und ich bin dankbar für meine mittlerweile 61 Jahre, denn ich kann verzeihen und belächeln … und abnehmen… deren Gehirnzellen wohl nicht mehr 😉

    1. Hallo Mandy,
      ich möchte einfach hier mal hinterlassen, dass ich deine Posts sehr schätze, vieler deiner Gedanken teile und dein Engagement bzgl. der Information anderer zu deinem Fachgebiet großartig finde.
      Ich warte sehnlichst auf eine Impfung, ich bin Lehrerin, aber nicht geimpft, da ich an einer Realschule unterrichte. Ich muss also warten und kann nur den Hut vor deinen Kolleginnen und Kollegen ziehen. In der derzeitigen Lage bin ich dankbar, dass ihr nicht alles hinschmeißt, weil ihr von der Politik so im Stich gelassen werdet.
      Mach bitte in jeder Hinsicht weiter und bleib gesund.
      Herzlichst
      Sabine

  7. Hallo Mandy, ich freue mich über jeden neuen Text von Dir, kenne Dich von WW.
    Liege gerade selber im Krankenhaus und die Chirurgin, die mich operiert hat, hat, mit Anderen, den Verein die Chirurginnen gegründet. Unter anderem deswegen, weil viele weibliche Ärztinnen oft immer noch nicht, den gleichen Stellenwert genießen (und sich den einen oder anderen Spruch anhören mussten) Die sind auch hier auf Instagram, vielleicht magst Du da ja mal reinschauen.
    Viele Grüße Petra

  8. Ich habe mir jetzt hier ein Lesezeichen gesetzt – damit gespeicherte Posts nicht einfach mehr verschwinden können.
    Ich lese Deine Texte unheimlich gerne – vielen Dank dafür 🤗

  9. Gott sei Dank 😅 Du lässt dich NICHT unterkriegen, überlässt den Miesmachern und Stänkerern nicht das Feld. Ich freu mich und danke dir von Herzen dafür ❣️

  10. Liebe Mandy,
    vielen Dank für deine tollen Texte, deine umwerfenden Bilder und die viele Mühe, die Du Dir hier gibst. Ich liebe Deinen Humor und freue mich über jeden neuen Post. Bitte mach weiter so und lass verletzende Kommentare einfach an Dir abperlen. Es lebe der Lotuseffekt 😉
    Liebe Grüße
    Kathrin

  11. Liebe Mandy,
    herzlichen Dank für Deinen supercoolen Beitrag! Ich bin echt hängengeblieben, weil ich Lehrerin bin und „Vielmeldern“ sehr dankbar, weil ich eigentlich immer irgendwas vergesse zu sagen… die denken mit!
    Erst gegen Ende habe ich drin Anliegen verstanden, das tut mir leid, dass Dein Post verschwunden ist. Und nicht nur, weil Du (Vorsicht Deutschlehrer) mega amüsant und interessant inhaltlich schreibst, sondern auch so toll formulierst- das ist eine Freude zu Lesen! Vor allem die Flirtszene beim Sezieren ( ich weiß, „nur“ ein Beispiel) fand ich so lustig, und einfach eine ganz neue Perspektive des Lebens… Ganz ehrlich: genau das macht Literatur spannend für mich! Danke!
    Ich les jetzt erstmal durch deine Seite hier 🙂
    Alles Gute unbekannterweise! Und bleib gesund! Mirjam

  12. Liebe Mandy, ich liebe deine Beiträge und kann es immer kaum erwarten, bis der nächste Artikel von dir online ist. Da ich schwanger bin, darf ich leider nicht geimpft werden. Doch ich würde mich ganz vorne anstellen, da ich genau die gleiche Haltung wie du vertrete.
    Deinen Link zu den beiden verschiedenen Impfstoff-Varianten habe ich mir angeschaut und durchgelesen und mir direkt für meine Bio Stunden in Klasse 9 abgespeichert. Dort kommt noch das Thema „Immunsystem“ und unter anderem auch das Thema „Impfen“.

    Lass dich nicht unterkriegen!!!! Solche Dementoren (um es in nicht-Muggel Sprache zu formulieren) sind nur neidisch auf das Wissen und die fleißige Arbeit, die du geleistet hast. Es ist eben wie in der Schule: wenn Kinder neidisch auf die Leistungsstarken sind, dann lassen sie es die anderen merken.

  13. Du bist ein wunderbarer Mensch. Ich mag Deine Berichte sehr. Und verdammt, die Flirtszene muss verfilmt werden. 😻👍 Aber zurück zum Thema. Niemand hat das Recht Dir das Gefühl zu geben weniger Wert zu sein. Punkt. Bleib wie Du bist. 😊

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