MandysNotizBlog

Mandy in den OP – Mein Einsatz in der Chirurgie

Guten Morgen meine Lieben. Das Tertial der Inneren Medizin ist abgeschlossen und hat einen fließenden Übergang in das zweite Tertial gefunden: die Chirurgie.

In meiner Vorstellung hetze ich über die Krankenhauskorridore um schnell in den OP zu kommen und Leben zu retten. Verunfallte Menschen, Messer die aus Körper ragen, Wunden aus den Blut spritzt – hahahahaha, nein, natürlich nicht. Wir sind ja hier nicht bei Grey`s anatomy.

Mein Drama beginnt schon damit, dass ich sehr viel zeitiger aufstehen muss als in der Inneren Medizin. Da ich in meinem vorherigen Leben eine Eule war, zählt in diesem Leben jede Minute, die ich schlafen kann. Na gut, was soll`s. Meine Leidensgenossen in der Bahn haben genauso gute Laune wie ich und auch ihre Augen gleichen meinen – groß wie die eines Maulwurfs.

Am ersten Tag wurde uns der komplette Gebäudekomplex gezeigt. Mein Orientierungssinn ist allerdings nur rudimentär angelegt und so irrte ich an Tag zwei wie ein blindes Huhn in der Klinik rum. Nach ein paar Minuten fiel mir ein, dass ich im falschen Gebäude war und eilte Richtung Umkleide.

Mein Spint im Moment noch so herrlich aufgeräumt. Alles hat seinen Platz. Für gewöhnlich ändert sich das aber schon nach der ersten Woche. Stauschläuche und Kulis vermehren sich plötzlich wie die Karnickel. Man macht den Spint morgens auf und es scheinen über Nacht noch drei mehr zu geworden zu sein. Könnte aber auch mein Krankenschwesterkomplex sein: wie Gollum horte ich alles Kuliähnliche. Ich muss unbedingt daran arbeiten, alles regelmäßig auf Station wieder mit zunehmen.

Was mir schon am ersten Tag auffiel, die Taschen des Kasacks waren irgendwie kleiner als sonst. Der Stauraum ist ja so schon immer sehr rar. Stethoskop, PJ-Telefon (immer bereit), Pflasterrolle, Taschentücher, Stauschlauch, Kuli . . . Taschen am überlaufen. Da nimmt man schon ein Kasack größer und es quillt immer noch raus. Und so eile ich auf Station, weil die morgendlichen Blutentnahmen warten.

Ich habe mir eine Klinik ausgesucht, die unter anderen den Schwerpunkt Adipositas– und Bariatrie-Chirurgie hat. Adipositas kennt man vielleicht noch. Bariatrie musste ich auch nachschlagen: Behandlung und Vorbeugung von Übergewicht. Dazu gehört auch alles, was nach dem Übergewicht kommt – beispielsweise die Plastische Chirurgie, die sich dann mit Straffung von Bauch, Arme, Beine und Oberweite befasst. Hier lerne ich Patienten kennen, die sich den Magen verkleinern lassen möchten; untersuche sie; kann bei den Operationen anwesend sein und auch assistieren; lerne alles über die Ernährung nach den Magenverkleinerungen und bin auf Station zu den Verbandswechseln unterwegs. Ich hatte schon viele interessante Gespräche, weil ich ja eh für mein Leben gern quatsche.

Der Fachbereich der Chirurgie hat einen ganz eigenen Zauber inne. Ich weiß. Wie kann sie nur von Zauber sprechen? Da werden Menschen aufgeschnitten.

Wenn ich daran denke, wie man noch vor 100 Jahren operierte: ohne Handschuhe, Narkose war gerade im kommen, Überleben war ein Glücksfall.
Heute: um eine große OP zu machen, braucht man nicht mehr unbedingt den kompletten Bauch öffnen – mit ein paar Hautschnitten und Zugängen (Trokare) kann man die Bauchhöhle einsehen und zum Beispiel den Großteil des Magens entfernen. Man darf Handschuhe tragen und der Patient hat das große Glück, dabei nicht wach sein zu müssen. Was für ein Fortschritt.

Das Personal trägt dabei fesche grüne Klamotten. Passt super zu meinen roten Haaren, die ich aber unter einer OP-Haube verstecke. Mein Kopf sieht riesig aus. Und mit den Klamotten komme ich mir vor wie ein Laubfrosch. Die grünen Gummipantoletten quietschen dazu so geil auf den stündlich frisch gereinigten Fliesen, dass ich den Impuls unterdrücken muss, damit einen quietschenden Moonwalk vorbei an den OP-Sälen zu vollführen. Wie ironisch, dass Michael Jackson an einer Überdosis Propofol (auch Schlafmilch genannt), aus der Gruppe der Narkotika, gestorben ist.

Ja, mir gehen schon komische Gedanken durch den Kopf, wenn ich so über die Krankenhausflure schlurfe. Tagträume gönne ich mir regelmäßig, wenn ich Pause habe. Dann ist das Licht an, aber niemand ist zu Hause. Darin renne ich Richtung OP und rette Leben. Die Realität ist etwas anders: „Hast du Kapazitäten? Arzt XY braucht Hilfe in OP 1 und wartet schon.“

Düsenantrieb wäre dann echt von Vorteil. Praktischerweise befindet man sich natürlich genau in diesem Moment am anderen Ende der Klinik. Das Rennen stimmt schon mal – wie im Tagtraum. Dann kommt man in den OP.

Die OP-Etikette
„Bitte einmal einwaschen.“ Man wäscht sich die Arme, badet ein paar Mal in Desinfektionsmittel, fühlt sich fresh wie ein Pfefferminzbonbon und geht mit Händen vor dem Brustkorb in den Saal.

Und nun aufgepasst: hier drin gibt es einen sterilen und unsterilen Bereich. Nach Möglichkeit sollte man mit seinem unsterilen Hintern nicht an die sterilen Dinge kommen . . . ja, ja, auch diese Mandy hat das alles schon hinbekommen und hat sich sämtliches OP-Personal zu ‚Freunden‘ gemacht.

Steckt man erst mal in einem sterilen Kittel, sterilen Handschuhen und darf sich neben den Oberarzt stellen, ist man stolz wie Bolle, dass man es bis hierher geschafft hat. Die Wangen glühen vor Stolz, sieht aber keiner, weil der Mundschutz alles verdeckt.

Okay, Chef, lass uns Leben retten. Und ZACK, bekommt man die große Verantwortung die Kamera zu halten. Na gut, dann halte ich eben die Kamera. Ohne die würde der Arzt schließlich auch nur mit den Gerätschaften im Bauchraum rum rühren. Und während der Chef gefühlt sekündlich die Kamera wieder richtig einstellt, weil man anscheinend zu blöd ist eine Kamera zu halten, wird der Arm langsam lahm und die Nase juckt. Sie kitzelt immer, wenn man sich nicht kratzen darf. Auch geil: man ist so aufgeregt, dass die Brille ständig beschlägt. Zum Glück hat man kein Skalpell in die Hand bekommen.

Ich habe mir da auch keine Vorstellung gemacht: einem Studenten ein Skalpell in die Hand zu geben wäre unverantwortlich. Das alles aber schon zu sehen, mit dabei zu sein, am Tisch zu stehen, finde ich schon aufregend genug.

Das Klima im OP-Saal ist ganz anders als auf Station. In manchen OP-Sälen ist Musik an. Das mag ich besonders gern. Die Stimmung gleich entspannter. Und auch das ganze Personal ist cool drauf, naja, die meisten. Es gibt immer eine OP-Schwester, der man im Weg steht. Selbst neben der Mülltonne ist man dann noch Fehl am Platz. Bei den anderen fühlt man sich einfach nur wohl. Und bekommt bereitwillig auf alles eine Antwort.

OP beendet. Die Zugänge werden entfernt. Übrig bleiben 4 kleine Löcher im Bauch der Patientin.
„Sie machen dann zu!“

Was? Meint er mich? Ich drehe mich um. Himmel, er meint mich. Nähen? Welche Nachttechnik? Er kann nicht mich meinen. Meine Brille beschlägt.

Hilfesuchender Blick zur OP-Schwester. Die lächelt. „Hast du schon mal getackert?“
Wild schüttle ich verneinend den Kopf. „Ich zeig es dir.“
Die glücklichste PJ`lerin an diesem Tag? Ich. Mit dem Tacker in der Hand.

Bleibt gesund. Eure Mandy

 

15 Kommentare

    1. Super, dieser Blick in den OP! Durchs Schlüsselloch sozusagen minimalinvasiv! Ich arbeite als Medzinprodukteberaterin, allerdings im ambulanten Bereich und daher sehr selten im OP. Ich finde es immer wieder spannend und aufregend mal näher dran zu sein. Dein Blog ist so interessant, mach bitte weiter

  1. Liebe Mandy, mein Samstagmorgen kann mal wieder nicht besser beginnen. Sonnenschein und wieder ein deiner heeeerlichen Erzählungen. Ich hatte ja schon einmal geschrieben, dass ich Physio bin, mein absoluter Traumjob auch noch nach 32 Jahren. Ich habe mir fest vorgenommen die erste 95 jährige, noch praktizierende Physiotherapeutin zu werden, Dank eigener Praxis wäre es möglich🤔😇😂. Ich liebe meine Arbeit und bin tatsächlich noch nie in die Praxis gefahren ohne mich auf meine Arbeit zu freuen. Der Grund warum ich so ausführlich schreibe….. ich höre so oft von meinen Patienten, wie wenig emphatisch die Ärzte sind, die Patienten mit ihren Schmerzen und auch Ängsten nicht ernst genommen werden. Ich habe es in der Familie gerade hautnah miterlebt und war komplett fassungslos. Mein Wunsch an eine junge angehende Ärztin…bitte bleib einfach menschlich und behandele jeden, als wäre es ein Familienmitglied, das möchte ich manchmal jedem auf den Unterarm tätowieren. Ich weiß ganz bestimmt um den Stress den die Ärzte und auch das Pflegepersonal haben, es gibt natürlich auch echt ääääääätzende Patienten, I know 🤪, aber unter dem Strich haben einfach alle nur Angst, und die kann man ihnen oft durch ein Lächeln und ein paar aufmunternden Worten nehmen. Gott oh Gott, ich habe gar nicht so viel schreiben wollen, aber die gestrige Situation mit meiner Nichte hat mich so unendlich wütend und traurig gemacht. Bleib wie du bist und bewahre dir deine Menschlichkeit.😍😊LG ines

    1. Hallo Ines, ich sehe es ganz genauso. Jeder, der nicht zum Arbeiten ins Krankenhaus kommt, hat Angst. Ich kann das absolut verstehen. Wenn etwas im eigenen Körper nicht stimmt und man seine Hoffnung jemanden gibt, den man nicht kennt, ist es etwas leichter, wenn der sich auch mal 5 Minuten Zeit nimmt für ein Gespräch und ein Lächeln.
      Ich hoffe, es gibt ein Zeitungsartikel, wenn du die älteste noch praktizierende Physio bist 😉
      Danke für deinen Kommentar. Ich werde ihn mir zu Herzen nehmen.
      Mandy

  2. Moin Moin ☀️aus SH Deine Beiträge sind phantastisch! Ich wünsche mir,,wenn ich mal alt( also noch älter als jetzt) und grau ( noch grauer als jetzt 😂) du hier in SH als Ärztin arbeitest , und meine Familie und Ich deine Patienten sind! 😘 Hab ein tolles Wochenende☀️

  3. Wahnsinn wie gut du alles beschreibst! Als wäre man dabei und mittendrin…und dann noch ein Moonwalk 😂 herrliche Vorstellung…

    Und dann der Tacker. Herrlich 👍

    Und wenn das nicht genug ist, noch ein neues Wort gelernt. Bariatrie. Wow.

  4. Bin noch ganz neu bei WW und gerade zufällig beim Samstagvormittag Kaffee auf deinen so lustig geschriebenen Bericht gekommen, dass ich direkt den Blog öffnen musste. Wirklich so lustig und unterhaltsam geschrieben, dass ich mich auf mehr freue. Habe auch gerade mit Ende 40 nochmal den Schritt der Unschulung gewagt und starte jetzt eine Ausbildung zur MFA, weil ich die Medizin einfach so spannend finde. Mein Wunsch wäre , später auch noch ein „kleines Studium“ dranzuhängen und ob ich es schaffe, ehe ich in Rente gehe😂. Aber egal, solange es mir Spaß macht, gebe ich alles. Ich wünsche ein schönes Wochenende und freue mich auf deinen nächsten Beitrag! Liebe Grüße Tanja

  5. Ich lese deine Sachen so wahnsinnig gern. Da ist so viel Tiefe, so viel Leichtigkeit, so viel Neugierde, Menschenliebe und noch viel mehr.
    Bin grad ziemlich froh, über dich ‚gestolpert‘ zu sein, schon vor dem Blog und musste das grad mal loswerden 😊.
    Ich wünsche Dir einen wunderbaren Tag!

  6. Liebe Mandy,
    brauchen Chirurgen-Lehrlinge eigentlich auch Modelle wie Friseurlehrlinge? Falls ja, stelle ich noch gern zur Verfügung und Du darfst an mir Oberarm- und Bauchstraffung üben. Gern auch den Rest 😉
    Danke für Deinen Blog, ich lese den zu gerne!

  7. Danke für Deine schwungvollen Texte. Man fiebert richtig mit Dir mit. Aber selbst dort sein möchte ich nicht. Kann kein Blut sehen und es wäre nicht hilfreich, wenn da immer eine ist die umkippt.

  8. Hi Mandy.
    Schön geschrieben und empathische Ärzte sind was tolles.
    Mir fehlt oft das Zuhören. Patienten machen sich doch auch Gedanken und beobachten sich. Wenn man nicht aufpasst liegt man unterm Messer obwohl Krankengymnastik gereicht hätte.
    Mit unbedachten Bemerkungen wird auch viel kaputt gemacht. Meine Ärztin hat mir z.B.gesagt, das ich für die nächsten Pfunde jetzt wohl länger brauchen werde. Bis dahin lief es toll und jetzt quäle ich mich. Sie hat meinen Kopf blockiert.
    Ich finde es schade, das Ärzte oft die Patienten hinter der Krankheit vergessen. Mach es bitte besser auch wenn Zeit Geld ist.
    Liebe Grüße Angelika

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.